Oktober 2018: aktueller Bericht von derkaffee aus der Kaffeeplantage in Bolivien


Luis Polanco ist kürzlich aus Bolivien zurück gekehrt. Im Auftrag von derkaffee besuchte Luis die Kaffeebauern der Kooperative Bio Arabica in Bolivien. Seit 25. Mai 2018 lebte er bei den Kaffeebauern in den Plantagen, half bei deren täglichen Arbeiten und verfolgte die Kaffeekirsche vom Baum in Calama bis zum Jutesack in El Alto La Paz, bereit für den Export.

Luis hat im vergangenen Jahr bei uns ein Praktikum als Kaffeeröster und Verkoster absolviert und hat den Aufenthalt in Bolivien genutzt, die Bauern für seine Masterarbeit zu befragen. 2017 waren Daniel Sutter und Christine Schürch erstmals in Bolivien und hatten sich für die Zusammenarbeit mit dieser jungen Kooperative entschieden.

Seit 2017 unterstützt derkaffee die junge Kooperative Bio Arabica mit zur Zeit 31 Mitgliedern. Als Präsident amtet Elias Choconapi, als Sekretät Beto Casilla und als Kassier Secundino Chambi. Um die junge Kooperative rasch voran zu bringen, haben wir einen Teil der Initialaufwendungen für die Einführung ins Fairztradesystem mit 1000 $ unterstützt. Damit wurde es Bio Arabica möglich, bereits die erste Ernte 2017 mit dem Fairtrade Zertifikat auszuliefern.

Luis hat seit Mai sehr viel Zeit bei vielen Kaffeebauern der Kooperative verbracht. Dabei hat er bei allen anfallenden Arbeiten, die notwendig sind um Rohkaffee in hoher Qualität und bereit für den Export in die Schweiz herzustellen, mitgeholfen. Die Bauern hat Luis eingehend interviewt. Luis beschäftigt sich im Rahmen seiner Masterarbeit intensiv mit der Ernährungssicherheit der Kaffeebauern, insbesondere deren Einkommen und Ernährung nach der Kaffee-Ernte. Über die Situation der Ernährungssicherheit wollen wir hier nichts beschreiben und verweisen gerne auf die Studie, welche in den nächsten 6 Monaten Luis erstellen und zu gegebener Zeit darüber informieren wird.

Wie produziert Bio Arabica unseren Calama oder den Caranavi Caracol? Hier eine kurze Beschreibung:

Ein Mitglied der Kooperative besitzt mindestens 4 Hektaren Kaffeebäume. Auf einer Hektare (10'000m2) pflanzt Bio Arabica ca 4000 Kaffeepflanzen. Weil die Fläche zuerst von alten Kaffeebäume, Unkraut und Schattenbäume gerodet werden muss, überfordert diese aufwändige Arbeit einen Bauern. Dazu haben die Mitglieder der Kooperative das Projekt AINE ins Leben gerufen. Alle Mitglieder helfen an einem Tag auf der Plantage eines einzigen Bauern aus. Der Bauer zahlt keinen Lohn, organisiert jedoch die Verpflegung. Am nächsten Tag arbeiten alle beim zweiten Bauern usw. Damit lässt sich mit der Zeit eine ganze Plantage erneuern. Die Erneuerung ist dringend notwendig. Fast alle Plantagen sind total überaltet und mit Varietäten bestückt, welche sehr anfällig sind auf Pilze. Um den Ertrag zu steigern und den Pilzbefall massgebend zu senken, werden junge Pflanzen der Varietät Catuai, Mundo Novo, Caturra  und auch ein wenig Catimor gepflanzt.

Wenn die jungen Kaffeebäume ein wenig gewachsen sind, müssen diese von der direkten Sonneneinstrahlung geschützt werden. Dazu werden Schattenbäume gepflanzt. Hier pflanzt Jhonny gerade einen Baum Huasichucho.

Nach 3 Jahren können bei optimalen Bedingungen die ersten Kirschen geerntet werden. Pro Pflanze lassen sich im Durchschnitt ca 1.5 kg Kaffeekirschen ernten, also 5500 bis max. 6000 kg Kaffeekirschen pro Hektare. Diese werden vom jeweiligen Bauern auf seiner Plantage gequetscht (vom Fruchtfleisch befreit) und während ca 12 bis 18h fermentiert. Danach werden die Bohnen gewaschen und anschliessend bis auf 14% Restfeuchte beim Bauern getrocknet.

Jhonny beim ersten Waschen der Kirschen und Fehlbohnen aussortieren.

German Luna trocknet den Kaffee (hier noch im Pergamino) auf Betten, wegen dem Regen immer überdacht. Es dauert je nach Sonne ca 1 Woche. Natürlich müssen die Bohnen oft gewendet werden, damit nichts anschimmelt. German wird von Zeit zu Zeit auf eine Bohne beissen. Löst sich das Pergamino, ist die Restfeuchte bei ca 14%. Teure Messgeräte sind hier überflüsisg.

Die Schale der gequetschten Kirschen (Cascara) wird entweder kompostiert oder neuerdings getrocknet und für Teeliebhaberinnen ebenso exportiert.

In Säcken kommen die Bohnen nach El Alto (La Paz). Hier müssen diese weiter trocknen und danach vom Pergamino befreit werden. Nun kommt ein aufwändiges Sortieren. Die ersten Schritte können noch mit Maschinen (Rüttelsieb und Separator nach Farbe) bearbeitet werden. Der letzte Schliff kann nur von Hand erfolgen: Gebrochene Bohnen, Wurmfrass etc. wird aussortiert.

Nachtrocknen in El Alto La Paz auf 4200 m.ü.M. Hier regnet es seltener und die Luftfeuchtigkeit ist so tief, dass die Bohnen rasch auf die gewünschte Restfeuchte gebracht werden können.

Auf dem Rüttelsieb in El Alto werden die Bohnen nun nach Grösse sortiert und danach im Farbseparator kontrolliert.

Von den 5500 kg Kaffeekirschen pro Hektare sind nun für den Export in die Schweiz gerade noch 23% übrig geblieben. Dies entspricht 1265kg.

Wenn sie also bei www.derkaffee.ch 1 kg Calama Kaffee aus Bolivien kaufen, mussten dafür 5.5 bis 6 kg Kaffeekirschen geerntet werden. Dies entspricht der Jahres-Ernte von 4 Kaffeebäumen.

Ein Mitglied von Bio Arabica kann mit 4 Hektaren max. 5 Tonnen Bio-Rohkaffee in Exportqualität erzeugen.

Max. 220 Säcke a 60 kg können im Kontainer nun exportiert werden. Hier unser erster Kontainer 2017 von Bio Arabica. Er wird nun nach Arica (Chile) fahren müssen. Dort erfolgt die Verschiffung. Erst in Arica geht die Verantwortung für den Kaffee von der Kooperative auf den Exporteur über. Für derkaffee organisiert diese aufwändige und risikoreiche Prozedur Swipala aus Bern.

60 kg Rohkaffee in Bester Qualität, verpackt in Grain Pro (spezieller Plastiksack) sowie Jutebag nach unseren Vorgaben.

Welchen Umsatz kann nun ein Bio-Kaffeebauer bei Bio Arabica pro Jahr erwirtschaften?

Im Oktober 2018 beträgt der Börsenpreis für Arabica Kaffee 2$49 pro kg. Für Bio Arabica werden ca 3$10 pro kg Rohkaffee im Ursprung bezahlt. Nun kommt noch die Fairtrade Prämie hinzu. Die Mindesprämie 2018 für Bio Fairtrade Rohkaffee Arabica im Ursprung beträgt 3$74 pro kg.

Somit beträgt der Umsatz für einen Bauer und dessen Familie mit 4 Hektaren im Fairtradesystem 19'900 $. Davon soll nun der Bauer die Plantage erneuern, die Pflücker zahlen, den Rohkaffee aufbereiten, in Jutesäcke verpacken und nach Chile transportieren (Verschiffung), alle Maschinen und Betriebskosten berappen sowie 1 Jahr das Leben seiner Familie finanzieren.

Weil das nicht funktioniert, hat derkaffee einen eigenen Mindestpreis für die Nachhaltige Produktion von Rohkaffee im Ursprung festgelegt. In Bolivien bezahlen wir der Kooperative für jedes Kiogramm Bio Fairtrade Kaffee 6.60$. Dies bringt den Jahresumsatz eines 4 Hektaren-Bauern auf 33'400$. Damit wird eine nachhaltige Produktion möglich, ein Leben wie wir es kennen ist jedoch noch immer in weiter Ferne.

Zusätzlich bezahlen wir zusammen mit Swipala 50% der Gesamtsumme einer Bestellung im Voraus. Dies nicht etwa auf ein gesichertes Sperrkonto bei einer Bank, sondern direkt an die Kooperative. Unsere Sicherheit ist der persönliche Kontakt.

Damit kann nun die Kooperative alle anfallenden Kosten für Pflücker, Transporte, Aufbereitung des Rohkaffees in el Alto, Bio und Fairtrade Inspektionen, Betriebskosten und minimale Löhne zahlen. Ohne diese Vorauszahlung müsste Bio Arabica Darlehen mit Zinsen von 20% aufnehmen. Die restlichen 50% werden nach Eintreffen des Rohkaffees in Rüedisbach und der strengen Qualitätskontrolle fällig.

Kritikern am Fairtrade System möchte ich in Erinnerung rufen, dass seit längerer Zeit der Börsenpreis für Kaffee ohne Fairtradesystem bei 2$40 pro kg liegt. Der Umsatz des 4 Hektarenbauern liegt hier bei 12'000$. Das ist der Preis, welche den Bauern zur Aufgabe zwingt. Weltweit wird der Meiste Kaffee noch unter diesem Börsenpreis gehandelt! Ein Kaffeebauer ohne Fairtradesystem ist dem Markt schonungslos ausgeliefert.

In unserem Fall bei Bio Arabica wird die Fairtrade Prämie (den Mehrpreis also, welche die Bauern vom Börsenpreis bis zum festgelegten Fairtrade Preis erhalten), für folgendes eingesetzt:

  • Neue Jungpflanzen sowie die Verpackung für die Jungpflanzen und Schafmist für das Aussetzen
  • Total sollen 4 Hektaren neu gepflanzt werden.
  • Die Bauern benötigen für die Fermentation und das Waschen der Kirschen eine kleine aber zeitgemässe Waschstation. Diese sollen in Zukunft bei jedem Bauer installiert werden.

Waschstation bei Josue Casilla. Es ist geplant, weitere Stationen aus der Fairtradeprämie bei jedem einzelnen Bauer zu erstellen.

Die derkaffee Rösterei in Rüedisbach setzt sich dafür ein, den Rohkaffee direkt bei den Bauern und zu einem nachhaltigen Preis einzukaufen.

Sämtliche Bilder in diesem Bericht sind von Luis Polanco gemacht worden.

16.10.2018 Daniel Sutter